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Interview ILIAS (M. Kunkel)

1. Hallo Herr Kunkel, Sie sind der Projektmanager von Ilias. Erklären Sie bitte kurz, aus welcher Branche Sie stammen und wie Sie zu Ilias gekommen sind. Welche Aufgaben übernehmen Sie bei dem Projekt?

Ich habe Politikwissenschaft an der Universität zu Köln studiert und bis zum Beginn meines E-Learning-Engagements als Journalist (u.a. ZDF) gearbeitet. Während meiner journalistischen Arbeit habe ich mich bereits intensiv mit den Wechselwirkungen von Medien und Politik beschäftigt. Die Chance, 1997 beim Aufbau von VIRTUS - einem der ersten breit angelegten E-Learning Projekte an deutschen Hochschulen – mitzuwirken, habe ich genutzt und bin zurück an die Universität gewechselt. Und in diesem VIRTUS-Projekt war ich maßgeblich an der Entwicklung von ILIAS beteiligt – vor allem auf konzeptioneller Ebene.
Im dann 2000 ins Leben gerufenen Projekt ILIAS open source bin ich als Projektmanager für die Koordination des Softwareentwicklungsprozesses, für die Abstimmung zwischen Anwendern und Entwicklern und für die finanzielle Sicherung des Projekts verantwortlich. Dazu kommt natürlich die ständige Mitarbeit bei der Konzeption und Weiterentwicklung von Funktionen des Systems. Mit der Programmierung selbst bin ich aber nicht befasst – das können andere besser.


2. Wie würden Sie einem Außenstehenden in drei Sätzen erklären, worum es sich bei Ilias handelt? Wofür steht der Name Ilias oder welchen Ursprung hat er?

ILIAS steht für „Integriertes Lern-, Informations- und ArbeitskooperationsSystem“ und beschreibt schon ganz gut, was diese Lernplattform tut, nämlich eine einheitliche Umgebung zu bieten, um über das Internet zu lernen, sich zu informieren und mit anderen gemeinsam Neues zu erarbeiten.
Als wir den Namen gesucht und gefunden hatten, versuchten wir bei der Namensgebung für neue Projekte einen Kontrapunkt zu den landläufigen Anglizismen zu setzen und spielten bei den Akronymen auf griechische und römische Begriffe und Namen an. So kamen dann Projektnamen zustande wie z. B. VIRTUS (VIRTuelle UniversitätsSysteme), NIKOS (Neue Informations- und KOmmunikationstechnologien im Studium) und eben ILIAS.


3. Wie viele Entwickler arbeiten zusätzlich an Ilias mit und aus welchen Branchen stammen sie? Wer gehört noch dem Team an und welche Aufgaben müssen zusätzlich zur Entwicklung erfüllt werden?

Ständig – quasi hauptberuflich – mit der Entwicklung von ILIAS beschäftigt sind sechs Entwickler. Darüber hinaus arbeitet ein Dutzend Entwickler zeitweise für ILIAS. Dies sind zum einen Mitarbeiter von Firmen, die u. a. auch für ILIAS entwickeln – also klassische „Auftragsprogrammierung“ durchführen. Oft sind es aber auch Mitarbeiter von E-Learning- oder Rechenzentren, die neben ihrer regulären Arbeit an der Hochschule auch mal ein Modul neu oder weiterentwickeln. Und dann kommen noch mal die Betreuer der jeweiligen Sprachversionen im Ausland hinzu. Das sind auch über ein Dutzend Personen. Bis auf zwei Leute sind alle diese Personen außerhalb der Universität zu Köln beschäftigt. ILIAS wird ja in einer Art Kooperationsprojekt weiterentwickelt. Folglich kenne ich nicht alle Lebensläufe der Beteiligten. Aber wir haben Geistes- und Sozialwissenschaftler in unseren Reihen, ebenso wie die normalerweise in einem solchen Projekt zu erwartenden Informatiker und Pädagogen. Und das bereichert natürlich ein solches Projekt ungemein – schon wegen der vielen unterschiedlichen Hintergründe und Erfahrungen der Beteiligten.
Neben den Entwicklern gehören natürlich zum Projekt all die vielen Anwender, die sich durch Ideen, Konzeptionen und Anforderungen an der Weiterentwicklung und Verbesserung von ILIAS beteiligen. Diese Community zu betreuen und ihre Anregungen systematisiert in den Entwicklungsprozeß einfließen zu lassen, ist ein Hauptteil meiner Arbeit.


5. Der erste Prototyp von Ilias wurde bereits 1997 an der Universität Köln verwendet. Wie ist die Idee eines solchen Projekts entstanden und gab es einen bestimmten Auslöser für die Umsetzung der Idee? Können Sie sich noch an die ersten Schritte erinnern?

Mit Beginn des von der Bertelsmann Stiftung finanzierten Projekts VIRTUS war klar, dass wir eine softwaretechnische Unterstützung unseres Vorhabens brauchten, um durch den Einsatz neuer Medien – und hier vor allem des ganz neuen Internets – die unbefriedigende Lehr- und Lernsituation an unserer Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät zu verbessern. VIRTUS war nie als Softwareentwicklungsprojekt gedacht, sondern als eher als ein Organisationsprojekt zur Einführung von E-Learning an einer großen Fakultät mit über 8.000 Studierenden. Bei Projektstart Anfang 1997 dachten wir noch, wir könnten vielleicht auf bereits vorhandene Softwarelösungen an US-amerikanischen Universitäten zurückgreifen. Aber die Recherche dort war ernüchternd. Die hatten auch noch nichts vorzeigbares. Und Systeme wie z. B. WebCT oder Blackboard waren auch gerade erst im Entstehen begriffen. Man darf nicht vergessen, 1997 kam mit dem Netscape 3-Browser überhaupt erstmals ein Browser auf den Markt, der Bilder darstellen konnte. Vorher gab es nur Text auf dem Bildschirm.
Nach dieser Ernüchterung im Frühjahr 97 habe ich mich mit meinem damaligen Kollegen Philipp Kröpelin an SAP gewendet, da die Walldorfer gerade ihre Aktivitäten auf Hochschulen auszudehnen begannen. In drei Meetings versuchten wir sie von unserer Idee einer Lernplattform zu überzeugen, die wir dann gemeinsam entwickeln würden. Letztendlich war SAP aber vor allem daran interessiert, das HR-Modul von R3 an Universitäten zu verkaufen. Ein Learning Management System zu entwickeln, fanden Sie nicht so spannend oder lukrativ. Nachdem auch ein letzter Vorstoß bei der damaligen GMD in St. Augustin – heute Fraunhofer – gescheitert war, entschlossen wir uns im Herbst 1997 die Plattform selbst zu entwickeln und konnten dafür einen Wirtschaftsinformatiker und zwei Studenten gewinnen, die sich mit der gerade neu aufgekommenen Skriptsprache PHP und mit MySQL-Datenbanken auskannten. Und innerhalb eines knappen Jahres entwickelte dann dieses Team mit wichtigem Input unserer Wirtschaftspädagogen und Soziologen aus dem VIRTUS-Projekt die erste ILIAS-Version, die dann am 2. November 1998 online ging.


6. Seit 2000 ist Ilias eine Open-Source-Software. Gab es dafür einen bestimmten Auslöser oder eine bestimmte Motivation?

Nachdem wir innerhalb recht kurzer Zeit mit ILIAS eine lauffähige Plattform auf die Beine gestellt hatten, konzentrierten sich die Projektaktivitäten in VIRTUS dann auf die Erstellung von E-Learning-Content, auf die Schulung der Dozenten und auf die Evaluation unserer Aktivitäten. Es war klar, dass wir im Rahmen des VIRTUS-Projekts nicht weiter vor allem Softwareentwicklung betreiben konnten. Deshalb begannen wir mit Überlegungen zu einer Ausgründung dieser Arbeiten. 1999 war ja das Boom-Jahr der New Economy und es wäre nicht zu schwer gewesen, eine Finanzierung für eine kommerzielle Vermarktung von ILIAS zu bekommen. Aus mehreren Gründen sind wir diesen Schritt nicht gegangen. Stattdessen habe ich mich vehement dafür eingesetzt, dass wir ILIAS mit anderen Hochschulen und Insitutionen gemeinsam weiterentwickeln – und eher als eine Art öffentliches Gut betrachten, das es Hochschulen erlaubt, kostengünstig E-Learning zu betreiben. Vor allem aber wollte ich versuchen, die Softwareentwicklung auf mehrere Schultern und Standorte zu verteilen, um so die Kosten für jeden Beteiligten gering zu halten. Wir haben geschaut, wie das bei Linux und anderen Open-Source-Projekten lief und gute Ergebnisse liefert. Dies war unsere Motivation.
Im Düsseldorfer Wissenschaftsministerium fand man die Idee gut – vielleicht auch, weil man hoffte, Geld zu sparen, wenn nicht alle 16 Unis und die weiteren Hochschulen in NRW jeweils hohe Lizenzkosten für Lernplattformen bezahlten. Jedenfalls gehörten wir mit Gleichgesinnten der Fernuni Hagen, aus Münster, Dortmund, Essen und anderen Unis zu den Gründern der nordrhein-westfälischen Softwareinitiative CampusSource – und stellten entsprechend ILIAS unter die General Public Licence.


7. Mittlerweile gibt es einige Learning Management Systeme. Nennen Sie uns bitte die wichtigsten Besonderheiten, Merkmale und Vorteile von Ilias. Worin besteht das spezielle Potenzial von Ilias, das es von anderen Systemen abhebt?

Schaut man sich die Entwicklung bei verschiedenen LMS an, so entdeckt man eine zunehmende Angleichung der Systeme – auch weil sich bestimmte Darbietungsformen, didaktische Konzepte und Benutzererwartungen allgemein durchgesetzen oder schon durchgesetzt haben. Dennoch gibt es sicher noch einige Besonderheiten bei ILIAS. Anders als vor allem angelsächsische LMS ist ILIAS nicht allein kurszentriert aufgebaut. Es gibt zwar auch bei ILIAS ein starkes und flexibles Kursmanagement. Aber hinter ILIAS steht eigentlich die Idee der Wissenswelt. Daher finden sich auch alle Lerninhalte, Materialien, Kommunikationsforen, Tests usw. innerhalb des Magazins. Dieses Repositorium stellt die Gesamtheit der verfügbaren Materialien bereit – auch extern liegende und innerhalb von ILIAS mit Metadaten beschriebene Ressourcen. Dank dieser Möglichkeit kann ILIAS z. B. auch als Digitale Bibliothek eingesetzt werden – ohne einen einzigen Kurs im klassischen Sinn.
Ein weiterer Vorteil von ILIAS ist sein integrativer Ansatz durch eine enge Verzahnung der verschiedenen Funktionen und Module, z. B. beim Kursmanagement. So können mit dem ILIAS-eigenen Assessmenttool und dem ILIAS-eigenen Autorensystem Tests und Lernmodule in einem Kurs mit Lernzielen verknüpft werden. Der Lerner bekommt dann auf Grund der verschiedenen Testergebnisse genau die Kapitel oder Seiten eines Moduls vorgelegt, die er offenbar noch bearbeiten muss, um alle vorgegebenen Lernziele zu erreichen. Die Fa. Novell hat maßgeblich an der Entwicklung dieses „intelligenten Kursmanagement“ mitgewirkt und setzt es erfolgreich für die Produktschulung ein.
Stolz sind wir auch auf unser mächtiges und sehr flexibles Rollen- und Rechtesystem. Hatten wir bei den ersten ILIAS-Versionen nur die Standardrollen „Lerner“, „Autor“, „Gast“ und „Administrator“ im Angebot, so können seit ILIAS 3 beliebige Rollen mit unterschiedlichsten Rechtesettings erstellt und eingesetzt werden. Während hier viele andere Lernplattformen den Dozenten in das systemeigene Rollenkorsett einzwängen, erlaubt ILIAS es den Lehrenden, das für das jeweilige didaktische Szenario gewünschte Set an Rollen und Zugriffsrechten zu definieren und anzuwenden. Dieses flexible Rollen- und Rechtesystem ist vor allem aus der Erfahrung aus vielen anderen E-Learning-Projekten entstanden.
Schließlich ist ein weiterer großer Vorteil von ILIAS seine modulare und objekt-orientierte Softwarearchitektur. Mit der Entwicklung von ILIAS 3 zwischen 2002 und 2004 haben wir ILIAS softwaretechnisch vollständig neu konzipiert und programmiert. Dieser hohe Programmierstandard war beispielsweise für Novell mit dafür verantwortlich, sich für ILIAS zu entscheiden. Anders als bei manchem anderen verbreiteten Open-Source-LMS findet sich in ILIAS 3 keine einzige Zeile „Spaghetti-Code“! Darauf achtet unser Chefentwickler Alexander Killing an der ETH Zürich mit Argusaugen.


8. Ilias wird ständig weiter entwickelt und verbessert. Gibt es ihrer Ansicht nach aktuell noch weiteren Verbesserungsbedarf und wenn ja, wo?

Die Verbesserung und Weiterentwicklung wird wohl nie ein Ende finden, denn es werden immer wieder neue Herausforderungen an das System herangetragen. Aktuell arbeiten wir z.B. intensiv an der Integration von ILIAS in hochschulweite E-Learning-Architekturen über Web-Services. So sollen künftig aus dem HIS-System LSF direkt Kurse in ILIAS angelegt und Kursmitglieder eingetragen werden. Die bereits existente Schnittstelle zwischen Stud-IP und ILIAS ist ebenfalls ein Beispiel für die zunehmende Koppelung verschiedener Systeme und die damit einhergehende Vereinfachung von Arbeits- und Administrationsabläufen.
Weitere Entwicklungsbereiche sind die Integration von Webfeeds wie RSS als weitere Kommunikationskanäle, weitere Schritte hin zu einem adaptiven Kursmanagement und die Umsetzung von SCORM 1.3. Und ich hoffe, dass wir bald einen verbesserten Kalender anbieten können, der z. B. auch mit dem Kalender auf meinem Notebook kommunizieren kann.


9. Ilias war das erste Free-Software-LMS auf dem Markt. Wie wird Ilias finanziert und wie kann das System langfristig finanziell abgesichert werden?  

Da die Softwareentwicklung kooperativ erfolgt durch zahlreiche Beteiligte erfolgt, trägt vor allem die Community der großen Anwender den Großteil der Entwicklungskosten. Das ILIAS open source-Team an der Uni Köln und der ETH Zürich koordiniert dabei diesen Entwicklungsprozeß. Um diese Arbeit zu finanzieren, wurde 2004 ein Kooperationsnetzwerk ILIAS open source gegründet, dem zahlreiche ILIAS anwendende Institutionen angehören. Sie unterstützen durch Zuwendungen diese Koordination und Qualitätssicherung. Darüberhinaus finanzieren wir noch einen kleineren Teil der Personalkosten durch Auftragsarbeiten. ILIAS open source ist also auch ein kleiner unternehmensähnlicher Betrieb an der Universität zu Köln.
Die langfristige Absicherung von ILIAS erfolgt dabei allein über die Nachfrage und die Kundenzufriedenheit. Solange viele Hochschulen, Bildungseinrichtungen und Firmen mit ILIAS erfolgreich E-Learning betreiben können, werden sie bereit sein uns zu unterstützen und zur Weiterentwicklung beizutragen. Wenn keiner mehr ILIAS will, dann wird auch das Projekt ein Ende gefunden haben. Das ist bei ILIAS nicht anders als bei einem kommerziellen Projekt. Einen Blankoscheck für die Deckung der Projektkosten der nächsten fünf Jahre wird niemand ausstellen – nicht uns und auch keinem anderen Produkt. Wir müssen uns auch und gerade als Open-Source-Lernplattform diesem dynamischen und anspruchsvollen Markt stellen.


10. Ilias gehört zu den „Big Playern“ auf dem Markt und wird weltweit eingesetzt. Können Sie abschätzen, an wie vielen Standorten und in welchen Bereichen Ilias bereits produktiv eingesetzt wird? In welchen Ländern weltweit ist Ilias bereits vertreten? Können Sie die Entwicklung der Nutzerzahlen von 2000 bis jetzt abschätzen?

Anders als bei Softwareprodukten, die man kauft oder für die man sich registrieren lassen muss, haben wir keinen genauen Überblick darüber, wer alles ILIAS einsetzt. Schon die zugrunde liegende General Public Licence verhindert dies, da sie es jedem erlaubt, ILIAS selbst weiter zu vertreiben. Deshalb sind alle Zahlen nur Schätzungen. Und erst recht unbekannt ist uns in vielen Fällen, wie viele User tatsächlich mit ILIAS auf einer Installation arbeiten. Relativ gute Aussagen können wir nur über die Anwender machen, die mit uns in Kontakt treten oder eben zusammenarbeiten. Diese Informationen tragen wir in unserer Referenzliste zusammen (siehe: http://www.ilias.de/docu/goto.php?target=pg_8858&client_id=docu). Aber grob geschätzt, es gibt rund 500 Installationen und ILIAS wird in mindestens 25 Ländern eingesetzt – mit Schwerpunkt in Europa.


11. Das Team von Ilias war im Februar auf der europaweit führenden E-Learning-Kongressmesse Learntec vertreten. Was war ausschlaggebend für die Teilnahme und wie ist der Auftritt verlaufen? Waren Auswirkungen dieses Auftritts für Ilias bemerkbar? Wie schätzen Sie die Bedeutung solcher Messen generell für Projekte wie Ilias ein?

Wir kommen schon seit 1999 mit ILIAS auf die Learntec, da wir sie für die wichtigste E-Learning-Messe im deutschsprachigen Raum halten. Als nicht-kommerzielle Plattform waren wir allerdings immer darauf angewiesen, im Rahmen von Gemeinschaftsständen der Länder oder Hochschulen auszustellen. Ein reiner ILIAS-Messestand wäre finanziell nicht für uns tragbar. Seit zwei Jahren nun stellen wir immer gemeinsam mit unseren Partnern Qualitus und Databay aus, die Dienstleistungen um ILIAS anbieten. Wichtiger als Messen halte ich allerdings inzwischen gezielte Inhouse-Veranstaltungen für ausgewählte Kunden. Da ist mehr Zeit zum Präsentieren und Besprechen. Kundenkontakte auf Messen haben immer etwas oberflächliches.


12. Im September 2006 findet die mittlerweile 5. Internationale Ilias-Konferenz statt. Welche Themen und inhaltlichen Schwerpunkte werden dort zum Tragen kommen? Welche Erwartungen haben sie an diese Konferenz?
Ein großes Thema wird die Integration von ILIAS in größere IT-Strukturen von Hochschulen und Bildungsinstitutionen sein. Hier geht die Tendenz ganz klar weg von Lernplattformen als „Stand-alone-Lösungen“ und hin zu „modularen E-Learning-Architekturen“, in denen Lernplattformen mit Verwaltungssystemen, Veranstaltungs- und Raumplanungssystemen sowie en zentralen Personal- und Studierendenverwaltungssystemen gekoppelt werden. Ein großer Schritt in diese Richtung wird die CampusSourceEngine sein, die zur zentralen Schnittstelle zwischen Lernplattformen und den HIS-Systemen werden soll.
Weitere Themen werden die Koppelung von ILIAS mit virtuellen Klassenzimmern und die Lernplanung und –kontrolle bei E-Learning-Kursen sein.
Die alljährliche ILIAS-Konferenz ist für uns das wichtigste Event des Jahres. Viele Anwender aus dem In- und vor allem Ausland sehen wir persönlich nur zu dieser Gelegenheit – auch wenn wir sonst vielleicht einen regen Mailaustausch pflegen. Bei allen Vorteilen der Virtualität – es ist auch sehr wichtig, sich persönlich in Angesicht zu Angesicht auszutauschen. Und es ist natürlich immer wieder spannend zu sehen, was die ILIAS-User mit der Plattform alles machen. Und nicht zu vergessen – die legendären Abendprogramme. Nicht nur in Hinblick auf das sogenannte „Community-Building“ ist die alljährliche Konferenz also eine wichtiger Termin für ILIAS.


13. Welche Maßnahmen neben der Teilnahme an Messen und der Ilias-Konferenz nimmt Ihr Team vor, um Ilias weiter bekannt zu machen?

Unser Partner Qualitus veranstaltet regelmässig Info-Veranstaltungen zu ILIAS, bei denen man die Plattform genauer kennenlernen kann. Auch die nordrhein-westfälische Initiative CampusSource veranstaltet solche Präsentationen, dort allerdings mit mehreren Systemen. Außerhalb Deutschlands übernehmen unsere Partner diese Aufgabe, z. B. in Frankreich, Spanien und Italien. Wegen unserer begrenzten finanziellen Mittel können wir allerdings keine großen Marketingmaßnahmen starten. Und unsere wichtigste Marketingmaßnahme bleibt eh weiterhin die „Mund-zu-Mund-Propaganda“ zufriedener ILIAS-Benutzer.


14. Ilias hat es bei einer Evaluation des österreichischen Bildungsministeriums als einzige Open-Source-Software bis in die letzte Auswahlrunde geschafft und wird von Experten generell empfohlen. Wirken sich solche Erfolge merklich auf die Zunahme der Nutzer aus? Haben solche Bewertungen auch weitere Auswirkungen wie beispielsweise zusätzliche Geldquellen?  

Evaluationen, wie die von Peter Baumgartner und Kollegen in Österreich sind natürlich sehr förderlich für das Image einer Plattform. Sie stellen eine Art Gütesiegel dar, so wie z. B. auch unsere SCORM-Zertifizierung (wir sind ja die erste Open-Source-Plattform gewesen, die vollständig SCORM 1.2 zertifiziert wurde). Nach der Empfehlung aus Österreich haben wir auch tatsächlich einen Zuwachs bei der Zahl der Downloads von unserer Website verbuchen können. Aber neue Finanzmittel sind so nicht ins Projekt geflossen. Die kommen eher von Institutionen, die ein ganz bestimmtes Szenario umsetzen wollen und dafür noch eine Weiterentwicklung brauchen – oder von den Institutionen, die sich eh schon vor einiger Zeit für ILIAS entschieden haben und zufrieden sind und weiter sein wollen.


15. Im internationalen Vergleich wird deutlich, dass beispielsweise in den USA oder England Projekte wie Ilias massiv vom Staat gefördert und landesweit eingesetzt werden. Hingegen in Deutschland kommt der Wunsch nach mehr eLearning meist aus den Einrichtungen selbst und wird von diesen auch eigenverantwortlich umgesetzt. Was sollte sich ihrer Meinung nach in Deutschland ändern? Wie sollten Learning Management Systeme unterstützt werden?

Hier hat die Politik vor einigen Jahren eine Chance verpasst, die jetzt nicht mehr zurückzuholen ist. Statt gezielt einzelne Projekte zu fördern und deren Alltagstauglichkeit und Übertragbarkeit zu sichern, wurden gießkannenartig viele Projekt ein bisschen gefördert – aber eben nicht ausreichend. Jetzt haben wir zahlreiche Plattformen, von denen aber nur ganz wenige überleben werden können. Konzertierte Aktionen, wie das SAKAI-Projekt in den USA, kamen hier nicht zustande – nicht zuletzt auch wegen des Eigensinns zahlreicher Beteiligter. Der Konzentrationsprozeß auf dem LMS-Markt wird aber weiter voranschreiten – sowohl bei Open-Source als auch bei kommerziellen Produkten. Und wenn man nicht will, dass eines Tages nur noch Software aus den USA oder Australien verfügbar ist, wäre es nötig, bestehende Projekte mit deutscher Beteiligung mehr zu unterstützen. Aber dazu müsste man Lernplattformen stärker als Infrastrukturen verstehen, die zu fördern ein öffentliches Interesse ist – so wie z. B. beim COPERNICUS-Projekt in Südtirol.


16. Ilias kooperiert mit Stud.IP und es wurde eine Schnittstelle zwischen den beiden Systemen eingerichtet. Gab es einen Auslöser oder bestimmte Motivationen für eine Zusammenarbeit? Warum gerade Stud.IP? Und welchen Nutzen bietet die Verknüpfung der beiden Systeme?

Eine Schnittstelle zwischen Stud-IP und ILIAS zu entwickeln, lag nahe. Beide Systeme ergänzen sich gut und haben nur minimale Überschneidung. Stud-IP ist stark bei der Verwaltung von Präsenzlehre, ILIAS beim E-Learning. Das haben verschiedene Hochschulen erkannt und setzen bereits länger beide Systeme ein. Und da lag der Schritt nahe, beide Softwareprodukte stärker miteinander zu verknüpfen. Da ILIAS und die Stud-IP-Entwickler von Dataquest in Göttingen auch in der CampusSource-Developergroup engagiert sind, haben wir uns schon vor einigen Jahren abgestimmt und Dataquest entwickelte eine erste Schnittstelle, die mit der damaligen ILIAS-Version 2 kommunizieren konnte. Da aber alle ILIAS-Anwender mittlerweile ILIAS 3 einsetzen, das ja komplett anders aufgebaut ist, war eine neue Schnittstelle notwendig – die im übrigen auch viel mehr kann als die alte Verbindung. Außerdem gibt es jetzt für ILIAS einen Stud-IP-Skin, so dass die Anwender optisch kaum merken, wenn Sie von einer Veranstaltungsseite in Stud-IP in einen ILIAS-Kurs wechseln. Auch so etwas war erst mit ILIAS 3 möglich.
Hauptvorteil für die Anwender ist aber, dass sie beim Wechsel von Stud-IP in ILIAS sich nicht mehr erneut anmelden müssen. Im Prinzip ist bei dieser Lösung ILIAS zu einer Art integriertem Teilsystem von Stud-IP geworden. Und das erleichtert die Bedienbarkeit im Lehralltag erheblich.


17. Welche mittel- und langfristige Planung besteht für die Weiterentwicklung und Zukunft von Ilias? Welche Zukunftsziele verfolgt das Team von Ilias?

Mittelfristig – also für die nächsten 12 Monate – planen wir die Integration einiger neuer Funktionalitäten, z. B. den Einsatz von RSS-Feeds als Content-Objekte und für die Kommunikation mit den Anwendern. Auch würden wir gerne SCORM 1.3-Kompatibilität erreichen. Vor allem aber setzen wir die Überarbeitung und weitere Optimierung der bestehenden Funktionen fort. So haben wir für die jetzt kommende Version 3.7 die Foren, das Übungs-Objekt und das Kursmanagement überarbeitet und erweitert. Die Verbesserungsvorschläge hierzu kamen vor allem aus der Anwendercommunity. Da zeigt sich auch der Vorteil eines Open-Source-Projekts, das es Anwendern eben ermöglicht, sich in den Entwicklungsprozeß direkt einzubringen. Versuchen Sie das mal bei einem kommerziellen Produkt.
Langfristig werden wir ILIAS so gestalten, dass es als ein modulares Teilsystem in größeren  IT-Architekturen von Hochschulen, Bildungseinrichtungen und Unternehmen die verschiedenen Aufgaben im Bereich E-Learning übernehmen kann und dabei intensiv mit anderen Systemen zusammenarbeitet. So sehen wir ILIAS in Zukunft z. B. unterhalb eines Portals oder in enger Anbindung an ein HRM-System. Dabei werden wir uns für ILIAS auf die eigentlichen Kernkompetenzen konzentrieren. Einen Gemischtladen mit unzähligen aber nicht vollständigen Funktionen werden wir nicht aufmachen. Deshalb wird es in ILIAS auch keine Raumplanung und kein virtuelles Prüfungsamt geben.


18. Wo sehen Sie Ilias in fünf Jahren?

Ich bin kein Hellseher, und fünf Jahre sind in der IT-Branche eine lange Zeit. Aber ich sehe uns dann immer noch als eines der wichtigen Systeme im Bereich E-Learning. Durch die intensive Einbindung unserer Anwender in den Entwicklungsprozeß können wir relativ schnell auf neue Anforderungen reagieren und ILIAS an neue Anforderungen anpassen. So wächst und erneuert sich das System mit seinen Kunden ständig weiter. Und mit dem Redesign von ILIAS für die Version 3 haben wir viel für unsere technologische Zukunftsfähigkeit getan. Auch der mittlerweile intensive Einsatz von Web-Services geht in diese Richtung. Vielleicht kommt es in den nächsten fünf Jahren aber auch zu einer Fusion von Open-Source-Lernplattformen innerhalb oder außerhalb von CampusSource, schon allein, um Kompetenzen und Kapazitäten zusammenzuführen. Solch eine Entwicklung könnte dann zu einer starken und international wettbewerbsfähigen Lernplattform aus Deutschland führen.
Entscheidend ist aber – zumindest für den Hochschulbereich -, wie E-Learning in den nächsten Jahren verstetigt wird und mit welchen Systemen das möglich ist. Wenn man eine Lernplattform nicht aus HIS-LSF ansprechen oder nicht mit Single-SignOn betreiben kann, dann ist das schon ein kaum mehr auszugleichender Makel. Hier ist ILIAS für beides bereits vorbereitet oder leistet es sogar schon. Insofern können wir optimistisch in Zukunft blicken.

Vielen Dank für das Gespräch!
    
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